20.11.2020

„Reflexionen anstoßen“

Diakon Andreas Wilhelm ist Klinikseelsorger am Herzzentrum Lahr – seit über 15 Jahren. Und hat festgestellt: Schwere Zeiten überstanden zu haben, gibt Menschen Mut.

Herr Wilhelm, Sie arbeiten insgesamt über 15 Jahre als Klinikseelsorger am Herzzentrum Lahr –
was hat sich gegenüber damals am meisten verändert?

Ganz zu Beginn wurden hier jeden Tag zwölf Operationen am offenen Herzen durchgeführt. Ich war von 1995 bis 2005 am Herzzentrum und bin es wieder seit 2015. Verglichen mit den vielen minimalinvasiven Operationen heute, waren das meist sehr heftige Eingriffe. Die Gespräche mit den Patienten drehten sich damals ganz oft schlicht um die Frage: Werde ich das überhaupt überleben?

Und das ist heute nicht mehr das große Thema?

Zumindest nicht mehr in dem Ausmaß. Natürlich sterben auch heute noch Menschen im Herzzentrum, aber das ist ein Bruchteil von ehedem. Wir sind heute als Seelsorger auch mit Ängsten konfrontiert – aber meist nicht unmittelbar davor, zu sterben. Es sind dennoch existenzielle Themen: Wie geht es weiter nach der OP? Wie schaffe ich es zu Hause? Kann ich weitermachen, wo ich aufgehört habe? Will ich überhaupt weitermachen, wie zuvor?

Und was sagen Sie dann?

Als Seelsorger in der Klinik kann man Reflexionen anstoßen. Ich versuche, unterstützende Kraft zu sein. Als jemand, der nicht in die Pflege oder Ärzteschaft eingebunden ist, bringe ich viel Zeit mit. Ich versuche, dem Kranken ein Fenster zu öffnen. Das geht oft mit einer einfachen Frage: Weshalb bin ich so krank geworden? Wer darüber ganz ehrlich nachdenkt, stößt womöglich darauf, dass auch die eigene Haltung zum Leben dazu führen kann, herzkrank zu werden. Oder schwere Erfahrungen.

Wie meinen sie das genau?

Hier im Herzzentrum hören wir immer wieder Geschichten von Patientinnen und Patienten, deren Erlebnisse sich so tief im Herzen eingegraben haben, dass sie eines Tages nur noch eine Herz-OP retten kann. Eine solche Erfahrung mag sein, ein Kind verloren zu haben. Wir möchten Menschen ermutigen, etwa auch der Trauerarbeit hinterherzugehen, bevor sich Krankheiten entwickeln.

Und Sie haben keine Angst, etwas Falsches zu sagen, wenn es anderen schlecht geht?

Zu Beginn meiner Arbeit sorgte ich mich oft, den falschen Ton zu treffen. Als Seelsorger versuche ich, mein Gegenüber mit seiner Geschichte zu Wort kommen zu lassen. Es geht darum, ein Stück Leben miteinander zu teilen.

Welche Herausforderungen verspüren Sie noch heute trotz langer Berufserfahrung?

Eine Herausforderung ist, immer achtsam genug zu sein. Habe ich ein gutes Gehör für die Situation? Bin ich wirklich präsent?

Wie hat sich das in Zeiten von Besuchsverboten aufgrund der Coronakrise verändert?

Viele Patienten mussten einen schweren Klinikaufenthalt ohne nahe begleitende Angehörige durchstehen. Das hat uns gefordert, besonders als wir selbst zwei Wochen unter Quarantäne standen und nur telefonisch mit Patienten sprechen konnten. Wir haben in Gesprächen gemerkt, dass es für viele sehr schmerzhaft war, nicht besucht zu werden, keinen persönlichen Kontakt zu haben. Es ist einfach enorm wichtig, dass Familienangehörige oder Begleitpersonen Patienten emotional stabilisieren und gemeinsam mit den Pflegenden und der Ärzteschaft unterstützend aufbauen. Am Telefon geht das nur bedingt.

Sie müssen nun auch Schutzausrüstung tragen, was bedeutet das für die Kommunikation?

Allen Patientinnen und Patienten ist es klar, dass wir mögliche Übertragungen ausschließen müssen. Ich bin positiv überrascht, wie dennoch eine gute Kommunikation und persönliche Gespräche trotz Maske möglich sind.

Was mögen Sie unter normalen Umständen besonders an Ihrer Arbeit?

Eine der spannendsten Erfahrungen ist Biografie-Arbeit. Menschen in anderen biografischen Erfahrungen erleben zu dürfen. Anfangs dachte ich, ich müsse Patienten mit Fantasiereisen auf Operationen vorbereiten: Sie an tolle Strände oder zu Zeiten zurückführen, wo sie richtig glücklich waren. Irgendwann habe ich festgestellt, dass mir die Menschen vor allem erzählen, welche schweren Geschichten sie hinter sich haben. Was sie überstanden haben. Und ich habe gemerkt: Mut machen vor allem die Herausforderungen, die man gemeistert hat.

Ihr Ansprechpartner

Andreas Wilhelm

Andreas Wilhelm

Katholischer Diakon

MEDICLIN Herzzentrum Lahr